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Mein Leben mit einer alkoholkranken Mutter

Flaschen meiner alkoholkranken Mutter
Wenn man mit einer alkoholkranken Mutter zusammenlebt, dann hat man einiges durchzustehen. Und nicht zuletzt rutschen man vielleicht in die sogenannte Co-Abhängigkeit. Wie es bei mir war und was der Alkoholismus meiner Ma mit mir gemacht hat, erzähle ich dir hier.

Die Bestätigung einer Ahnung

Meine Eltern waren schon getrennt, lebten aber noch zusammen in der gemeinsamen Wohnung. Mein Vater hatte das größte Zimmer für sich. Papa, vielleicht auch ein paar meiner Geschwister und ich hielten uns in diesem Zimmer auf, während meine Mutter im Wohnzimmer war. Ich glaube, wir spielten auf Papas Computer. Amiga, Commodore … ich hab keine Ahnung mehr.

Rumms … plötzlich hörten wir einen lauten „Knall“. Wir sprangen auf, um nachzusehen. Was ich dann sah, hat sich für immer in mein Gedächtnis gebrannt. Der Wohnzimmertisch war umgefallen und lag auf der Seite. Meine Ma im weißen Nachthemd stand apathisch daneben. Rote Flecken auf ihrem weißen Nachthemd. Ob ihr vorher aufgeholfen wurde, weiß ich nicht mehr. Auch nicht, ob sie überhaupt gefallen war. Und wie es danach weiterging … keine Ahnung. Eine meiner Schwestern hat mich aus dem Zimmer geschoben. Mehr weiß ich nicht, außer, dass ich in genau diesem Moment realisiert habe, dass meine Mutter ein großes Problem hat. Definitiv. Denn eine Ahnung hatte ich schon vorher. Aber dieser Abend war die Bestätigung. Damals war ich 8 oder 9 Jahre alt.

Umzug

Kurz nach meinem 10ten Geburtstag sind wir umgezogen. Mama und ich in eine süße 3-Zimmer-Wohnung. Ich hatte mich wahnsinnig darauf gefreut, denn sie hatte mir versprochen, dass sie nicht mehr trinkt. Ein Neuanfang. Wie naiv ich doch war. Aber man glaubt, was man glauben will und ich wollte das unbedingt glauben. Ich wollte ihr helfen. Für sie da sein, damit sie wieder für mich da sein kann. Die ersten Anzeichen der Co-Abhängigkeit.

Einkaufen

Der Hinweg zum nicht weit entfernten Supermarkt war eigentlich immer schön. Denn sie war noch nüchtern. Wir haben oft rumgealbert. Aber schon beim Einkaufen schlug bei mir die Stimmung um, wenn sie wieder Bier kaufte. Warum tat sie das? Sie hatte mir doch versprochen aufzuhören. Schlimmer war jedoch, dass sie danach regelmäßig noch an den Imbiss ging, der sich neben dem Supermarkt befand. Und auch da trank sie Bier. Und ich konnte nichts anderes tun, als ihr dabei zuzusehen und zu versuchen, ihr ins Gewissen zu reden. Doch das hat nichts gebracht und so hing ich an diesem Imbiss fest und wartete darauf, dass wir endlich nach Hause gingen.

Unsicherheit und Angst

Mein Leben war ab dem Umzug geprägt von Unsicherheit und Angst. Nie wusste ich, was mich erwartet. Ab dem Teenager-Alter wurde es noch schlimmer. Jeden Tag, wenn ich aus der Schule kam, habe ich mit einem unguten Gefühl die Wohnung aufgeschlossen. War sie nüchtern oder hatte sie schon wieder getrunken? Schlief sie oder sitzt sie apathisch auf der Couch? Ist sie überhaupt da oder wieder am Imbiss? Wenn sie getrunken hatte, wollte ich mich nicht mit ihr auseinandersetzen. Daher war ich immer froh, wenn sie schlief. So wusste ich, wo sie war, hatte aber meine Ruhe.

Nach außen musste natürlich alles gut aussehen. Von denen, mit denen sie am Imbiss getrunken hat, hatte ich nichts zu befürchten. Aber vor dem anderen Teil meiner Familie. Denn, so mein Gedanke, wenn sie mitbekommen, wie es hier wirklich läuft, dann holen sie mich weg. Und das durfte auf keinen Fall passieren. Also log ich, dass sich die Balken bogen. Mir geht es gut, Mama geht es gut, alles fein. Doch nichts war gut.

Flucht

So oft wie möglich war ich nicht zu Hause. Zum Glück hatte ich Freunde. Ein paar ahnten, was bei mir abging. Gesprochen hab ich zu der Zeit darüber mit keinem. Ich habe das Gefühl der Freiheit und Sorglosigkeit genossen, wenn ich mit ihnen unterwegs war. Aber irgendwann musste ich wieder zurück. Zurück in die Realität.

Ich bin selten zu spät nach Hause gekommen. Hab mich nur im erlaubten Radius aufgehalten oder, wenn möglich, brav gefragt, ob ich woanders hin kann. Zumindest, als ich noch jünger war. Mit der Zeit sagte ich nur noch Bescheid, wo ich hingehe und letztendlich nur noch, wann ich zu Hause bin. Aber daran habe ich mich immer gehalten. Eine vorbildliche Tochter. Denn wenn ich auch noch Probleme gemacht hätte, wenn ich mich nicht so im Griff gehabt hätte, wer weiß, ob sie das verkraftet hätte.

Natürlich habe ich auch ein paar Sachen gemacht, die vielleicht nicht so brav und vorbildlich waren. Aber bei den meisten habe ich mich nicht erwischen lassen 😉

Einsamkeit

Nach außen immer die gut gelaunte spielen und mit niemandem wirklich reden zu können macht auf Dauer sehr einsam. Auch, wenn ich umgeben von Freunden war, fühlte ich mich oft allein. Wer von denen sollte auch verstehen, was ich durchmachte? Und so verkroch ich mich manchmal einfach nur zu Hause. Ich hockte mich vor den Fernseher oder lenkte mich mit Musik ab. Ablenkung war sowieso immer das Beste. Und Verdrängung. Aber das Gefühl der Einsamkeit war allgegenwärtig. Das Gefühl, dass niemand für mich da ist. Dass ich alles allein schaffen muss. Die Überzeugung, ich kann mich nur auf mich selbst verlassen.
Und vieles davon trifft auch heute noch zu. Glaubenssätze eben. Aber daran arbeite ich.

Der Absprung

Rückblickend hätte mich jemand von meiner Mutter wegholen müssen. Heute sagt man dazu Kindeswohlgefährdung. Aber ich hätte mich mit Händen und Füßen gewehrt. Mit dem Verantwortlichen würde ich vielleicht heute noch nicht wieder reden. Nichts in der Welt hätte mich damals von meiner Mutter trennen dürfen. Außerdem kannte ja keiner die genauen Umstände und man musste sich darauf verlassen, was ich erzählte. Und danach ging es mir ja super.

Mit 16 vertraute ich mich erstmals jemandem an. Warum auch immer (ich hab’s vergessen) waren meine Ma und ich bei einer Neurologin. Beim ersten Termin hab ich natürlich wieder nichts gesagt. Beim letzten Termin (es waren nicht viele) hab ich ihr dann gestanden, dass meine Mama Alkoholikerin ist. Ihre Antwort: „Ich weiß.“ Das machte mich sprachlos. Woher wusste sie das? Meine Mutter hatte ihr garantiert nichts erzählt. Tja, Menschenkenntnis und Erfahrung. Sie wusste es nicht wirklich, hatte aber einen Verdacht. Und ich bestätigte diesen. Weiter thematisiert haben wir das dann aber nicht. Danach bin ich nicht mehr hingegangen. Aber es hatte sich etwas in mir gelöst. Irgendwas fühlte sich erleichterter an. Ab diesem Moment wusste ich, reden hilft.

Einige Zeit späte vertraute ich mich dann auch einer Freundin an. Sie hat toll reagiert. Wahrscheinlich auch, weil sie mich verstanden hat, da auch sie einen Alkoholiker in der Familie hatte. Ich bin ihr bis heute dankbar, dass sie mir zugehört und mir gut zugeredet hat.

Entscheidung

Mit 17 musste ich eine Entscheidung treffen. Wie geht es nach der Schule weiter? Der Wechsel von der Realschule aufs Gymnasium und damit das Abitur wäre durchaus möglich gewesen. Aber das wollte ich nicht. Ich wollte möglichst schnell Geld verdienen, damit ich zu Hause ausziehen konnte.

So ergriff ich eine sich mir bietende Gelegenheit. Mein Schwager bot mir an, meine Ausbildung in „seiner“ Firma zu machen. Als Kauffrau im Groß- und Außenhandel. War es das was ich wollte? Ich wusste es nicht. Aber als Kauffrau hat man gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt. Außerdem wäre mir die Ausbildungsstelle sicher. Und ich würde von zu Hause wegkommen. Denn um diese Ausbildung anzutreten, musste ich umziehen. Von meinem geliebten Berlin zog ich zu meiner Schwester in ein Dorf bei einer Kleinstadt in Sachsen-Anhalt. Kulturschock hoch zehn.
Ich bin bis heute froh, das Angebot angenommen zu haben, auch, wenn die Zeit in der Ausbildung ebenfalls nicht leicht war.

Doch wie konnte ich so plötzlich meine Mutter im Stich lassen? Ganz einfach: Ich konnte es gut begründen. Denn hier ging es um meine Zukunft. Um eine gute Ausbildung, welche mir zu einem guten Job verhelfen kann, wodurch in Mama dann unterstützen könnte. Nur so konnte ich gehen, ohne komplett schlechtes Gewissen.

Abstand

Ca. 250 km trennten mich nun von meiner Mutter. Dringend benötigter Abstand.

Durch diesen Abstand konnte ich mich nicht nur räumlich, sondern auch emotional von meiner Mutter distanzieren. Ich konnte nur auf mich schauen, ohne sie im Hinterkopf zu haben. Einfach mal vergessen, was die letzten Jahre los war.
Die bitter nötige Aufarbeitung hatte da noch nicht begonnen. Aber ich konnte, was das Thema angeht, endlich mal ein bisschen zur Ruhe kommen.

Anfangs bin ich noch regelmäßig nach Hause gefahren. Doch die Abstände wurden immer größer und irgendwann war ich nur noch selten in Berlin. Und wenn ich mal in Berlin war oder sie anrief, war sie oft nicht nüchtern und alle negativen Gefühle kamen wieder hoch. Der Kontakt zu ihr wurde immer seltener.

Entzug

2003, mittlerweile lebte ich in Schleswig-Holstein, rief Mama mich an und fragte, ob wir ihren (eigentlich meinen) Kater nehmen könnten. Sie würde auf Kur wollen. Mir kamen die Tränen und ich war so dankbar, dass sie endlich etwas tun wollte. Nach Absprache mit meinem Arzt, denn ich war zu der Zeit schwanger, nahmen wir den Kater auf und meine Mutter konnte sich auf den Entzug konzentrieren.Es hat ihr gut getan und kurz danach näherten wir uns wieder an. Sie war auch in der Zeit um den errechneten Geburtstermin bei uns. Leider wollte die Maus nicht raus und kam erst 2 Tage nachdem meine Mama wieder abgereist war.

Rückfall

Wie gesagt, man glaubt, was man glauben will und so dachte ich, sie hätte es nach dem ersten Versuch überstanden. Ich war wohl immer noch naiv. Nachdem ich sie einige Male wieder betrunken am Telefon hatte, wusste ich, nichts war überstanden. Eigentlich war alles wie immer. Und ich brach meinerseits den Kontakt ab. Zwar ging ich noch ans Telefon, wenn sie anrief, aber das war immer eine Quälerei.

So lief es jahrelang. Sie hat uns 2006 nochmal besucht, als ich mit meinem Sohn schwanger war und 2008 haben wir sie kurz in Berlin besucht. Wobei, da haben wir eigentlich eher eine Gelegenheit genutzt. Aber das ist ein anderes Thema.

Zwischen den Telefonaten vergingen oft Monate, zwischen Treffen oft Jahre. Selbst von meiner Hochzeit erfuhr sie erst 2 Wochen später am Telefon. Es hat sie sehr verletzt, aber ich wollte sie nicht dabeihaben. Aus Angst, sie könnte meine Hochzeit ruinieren.

Entzug 2

Ich weiß nicht mehr wann, aber sie machte noch einen zweiten Entzug. Und ich meine erste Therapie. Seitdem läuft es besser. Bei ihr und mit uns. So langsam komme ich in das Vertrauen, sie anrufen zu können ohne Angst haben zu müssen. Wir konnten uns aussprechen und ich konnte ihr endlich vorwurfsfrei sagen, wie ich mich all die Jahre gefühlt habe. Und sie hörte zu. Sie entschuldigte sich sogar.

Ich mache ihr wirklich keine Vorwürfe mehr. Ja, sie hat mich vernachlässigt. Unfreiwillig. Alkoholismus ist eine Krankheit. Eine Sucht. Und aus dieser kommt man nicht so einfach raus. Und ohne Hilfe fast gar nicht. Aber dazu muss man sich Hilfe suchen. Davor allerdings muss man erst einmal sehen und sich eingestehen, dass man ein Problem hat und Hilfe braucht. Das ist wohl der schwerste Schritt. Angehörige und Freunde können sich die Münder fusselig reden. Es bringt einfach nichts. Viele müssen erst an ihrem persönlichen Tiefpunkt sein, um das zu erkennen. Bei meiner Mama war es der drohende Verlust ihrer Tochter.

Meine Mama als Person

Ich möchte unbedingt noch erwähnen, dass meine Mama eine ganz tolle Frau ist. Wenn der Alkohol sie nicht unter Kontrolle hatte, war sie da. Hörte zu. War immer liebevoll. Sie hat mir Werte vermittelt, an die ich heute noch glaube und an denen ich festhalte. Respekt, Ehrlichkeit, Mitgefühl und Toleranz zum Beispiel. Sie hat mich gelehrt, höflich und freundlich zu sein. Eigenschaften, die heutzutage leider immer weniger werden. Sie hat immer versucht, ihr bestes zu geben. Deswegen hing und hänge ich so an ihr. Denn die klaren Tage waren immer wunderschön. Und saulustig teilweise. Meine Ma legt sehr viel Wert auf Tischetikette und achtet darauf, dass man sich am Tisch ordentlich benimmt (Ellenbogen vom Tisch, Hand auf den Tisch, Besteck zum Mund etc.). Und plötzlich findet man sich mit ihr beim Nudeln essen wieder und wir beide sauen den ganzen Tisch ein. Von Etikette keine Spur mehr. Eine leichte und unbeschwerte Situation.

Zum Schluss …

Keine Situation ist mit anderen vergleichbar. Jeder, der mit einem alkoholkranken oder anderweitig suchtkranken Menschen zusammenlebt, erlebt es anders. Geht anders damit um. Hat andere Herausforderungen. Manche gehen sofort. Viele jedoch bleiben und wollen helfen. Andere können nicht gehen aus Angst und / oder Abhängigkeit. Das kostet Kraft. Und es tut weh zu sehen, dass man dem geliebten Menschen und / oder sich selbst nicht helfen kann. Alles scheint ausweglos und man fühlt sich allein. Doch man ist nicht allein. Es braucht nur manchmal sehr lange, um das zu erkennen.

Du hast auch so etwas erlebt oder steckst mittendrin in so einer Situation?

Mein gut gemeinter Rat: Suche dir Hilfe! Kümmere dich um dich selbst. Denn dem Alkoholiker kannst du nicht helfen, wenn er es nicht selbst möchte.

Wie könnte diese Hilfe aussehen?

Die Hemmschwelle mit jemandem darüber zu reden ist groß. Gerade im Familien- und Bekanntenkreis. Aber ein anonymer Anruf bei der Telefonseelsorge z.B. kann ein erster Schritt sein, um wieder Land zu sehen. Oder dein Hausarzt. Oder lies Bücher zu dem Thema. Informier dich. Finde deinen Weg, damit es DIR wieder gut gehen kann.

Hier findest du Hilfe

Telefonseelsorge, Nummer gegen Kummer,

Al-Anon, Anonyme Alkoholiker

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