Therapie ja / nein / vielleicht?

Therapie bei Depressionen
Irgendwann realisierte ich, dass professionelle Hilfe keine schlechte Idee wäre. Also begab ich mich in Therapie. Ganz umsonst war es nicht.

Die Suche nach einem Therapieplatz

Vielleicht warst oder bist du auch auf der Suche nach einem Therapieplatz. Und wenn du so wie ich gesetzlich versichert bist, weißt du bestimmt auch, wie anstrengend und demotivierend das sein kann. Aber in den meisten Fällen lohnt es sich dranzubleiben.

Suche 1

Meine erste Suche 2012 gestaltete sich schon schwierig. Ich hatte eigentlich keine Kraft, diesen Aufwand zu betreiben, denn das letzte bisschen musste ich mir einteilen, um im Alltag noch funktionieren zu können. Umso erstaunter war ich, dass ich relativ schnell jemanden gefunden hatte. Wir vereinbarten einen Termin, ich nahm ihn wahr und am Ende wollte die gute Frau 50€ von mir. Das war das Lehrgeld, welches mir meine zukünftige Suche ungemein erschweren sollte.

Danach achtete ich bei meiner Suche im Internet penibel darauf, dass der Therapeut / die Therapeutin auch Kassenpatienten annimmt. An meinen besseren Tagen rief ich dann einen nach dem anderen an, nur um mir anzuhören, dass keine freien Plätze verfügbar sind. Irgendwann hatte ich dann doch Glück und eine Therapeutin erbarmte sich meiner.

Suche 2

Bei meiner zweiten Suche 2019 bin ich schon demotiviert gestartet. Der Bedarf meinerseits war allerdings noch drängender. Diesmal hatte ich Suizidgedanken, kam kaum aus dem Bett und war eigentlich nicht in der Lage, irgendetwas anderes zu tun als den ganzen Tag auf der Couch zu sitzen. Ich wollte mir etwas Ruhe gönnen, Kraft sammeln und dann die Suche starten.

Nach den ersten Telefonaten brach ich weinend zusammen. Wieder hatte keiner einen Platz für mich. Ich rief sogar Nummern an, von denen ich mir Hilfe bei der Vermittlung erhoffte, aber auch da bekam ich nur die Internetseiten aufgezählt, auf denen ich eh schon war. Also auch kein Erfolg.

Selbst die Krankenkasse konnte mir anfangs nicht helfen. Bis zu dem Tag, an dem mich meine Sachbearbeiterin fragte, ob ich nicht eine Online-Therapie ausprobieren möchte. Ich schaute mir dazu die Informationen im Internet an, dachte mir, das könnte was werden und hatte innerhalb von 4 Wochen meinen ersten Termin.

Therapie 1 – Gesprächstherapie 2012 - 2015

Dann will ich mal von meinen Erfahrungen berichten.

Noch nie zuvor hatte ich eine Therapie gemacht, geschweige denn wusste ich, dass es da auch Unterschiede gibt. Ich war einfach verzweifelt auf der Suche nach jemandem, der mir helfen konnte, mich nicht mehr so traurig oder leer zu fühlen. Jemand, der mir meine Kraft und Lebensfreude zurückgab. Spoileralarm: Gefunden hab ich so jemanden nicht.

Bei jedem Termin war ich nervös. Und während der Gespräche wurde ich eigentlich immer unruhiger und wollte wegrennen (typisch für mich, wenn ich mich mit mir selbst auseinandersetzen soll). Doch die Therapeutin hat es geschafft, dass ich mich ihr trotzdem anvertraute. Zumindest bis zu einem gewissen Grad. Und nachdem die Sprache auf meine Mutter kam, fingen wir erstmal an über meine Familie und meine Beziehung zu den einzelnen Mitgliedern zu reden. Das geschah im Wechsel mit der Verarbeitung meiner letzten Beziehung und aktuellen Themen, die mich beschäftigten.

Ich fuhr also regelmäßig zu ihr in die Praxis und redete. Sie stellte Fragen, damit ich eventuell allein auf die ein oder andere Lösung kommen konnte. Dann redete ich weiter. In der Zeit zwischen den Terminen dachte ich viel nach und konnte so etwas Klarheit gewinnen.

Während der Therapie stellte sie allerdings weder eine Diagnose noch gab es konkrete Hilfestellung dazu, wie ich mich aus meinem Loch (Phase 2) befreien könnte. Geholfen hat es trotzdem ein wenig.

Fazit:

Für meinen Therapieeinstieg war es ok. Ich konnte ganz anders mit ihr reden als mit Freunden oder Familienmitgliedern. Einiges was mich jahrelang bewusst oder unbewusst belastet hatte wurde aufgedeckt und ich konnte mich an die Verarbeitung machen. Diese Therapie gab mir die Kraft, erstmal weitermachen zu können.

Therapie 2 – kognitive Verhaltenstherapie 2020-2021

Nachdem ich ein Jahr krankgeschrieben war, kam der erlösende Vorschlag meiner Krankenkassensachbearbeiterin mit der Online-Therapie.

Zuerst gab es ein Vorgespräch bei einer ortsansässigen Therapeutin, die einschätzte, ob die Online-Therapie für mich geeignet wäre. Als da das Go kam, machte ich den ersten Online-Termin aus. Das ging insgesamt alles recht fix.

Und dann saß ich da. Im Schlafzimmer, den Laptop vor mir und wartete im Therapieportal auf den Videoanruf meiner neuen Therapeutin. Es klingelte, ich nahm den Anruf an und wir beschnupperten uns. Alles erstmal ganz unaufgeregt eigentlich. Für mich war es trotzdem ein komisches Gefühl. Zum einen hatte es etwas Surreales, zum anderen hasse ich es, mich selbst zu sehen. Aber mein Bild bei mir ausschalten ging auch nicht, weil ich mich dann noch unwohler gefühlt habe.

Neben den Gesprächen, in denen ich mir mal wieder einiges von der Seele redete, hinterfragte sie aber gewisse Reaktionen meinerseits. Das brachte mich zum Nachdenken. Mal wieder. Außerdem gab sie mir konkrete Hilfestellung, wie ich aus Verhaltensmustern und Gedankenkreisen ausbrechen könnte. Dazu gab es noch Übungen im Portal, welche man zwischen den einzelnen Sitzungen machen konnte und sollte. Dadurch habe ich viel lernen und verstehen können. Und ein bisschen was ändern.

Fazit:

Alles in allem bin ich positiv überrascht von dem Konzept der Online-Therapie. Zum Ende hin habe ich aber gemerkt, dass mir der wirklich persönliche Kontakt schon irgendwie gefehlt hat. Was die Art der Therapie, also die kognitive Verhaltenstherapie angeht, so macht die schon Sinn. Ich finde man lernt viel über sich und seine Denkweisen und es werden einem Mittel und Wege aufgezeigt, aus der Negativspirale herauszufinden. Alles in allem war ich dort ca. 7 Monate in Therapie. Es hat mich wieder ein Stück weitergebracht, aber leider nicht ans Ziel. Dennoch ging es mir besser und ich hatte Hoffnung, bald wieder … ja, gesund zu sein.

Therapie 3 – Reha 2021

Quasi direkt im Anschluss machte ich eine ambulante Reha. 7 Wochen. Ich hatte mir so viel davon versprochen. Hatte Hoffnung, danach einen Plan zu haben. Hoffnung, dass mir dort fähige Menschen helfen, einen Weg zu finden, damit ich wieder arbeiten gehen kann. Etwas arbeiten, dass mir wirklich Spaß macht und nicht nur zum Geld verdienen dient. Einen Job, der mich nicht wieder emotional zusammenbrechen lässt. Vielleicht Hilfe, um eine Umschulung durchzukriegen. Genau kann ich gar nicht sagen, was ich mir genau erhofft habe, außer Hilfe.

Tja, Satz mit X, war wohl nix. Im ersten Gespräch saß der Sozialberater vor mir, fragte, was ich mir vorstellen würde (dass ich planlos war, hab ich ihm gesagt) und erzählte mir sonst Dinge, die ich schon wusste.
Beim zweiten Gespräch saß mir eine Wand aus sechs Menschen gegenüber. Der Sozialberater, der Arzt, der mich körperlich durchcheckte, zwei Therapeutinnen, eine Person, bei der mir nicht mehr einfallen will, wer das war und eine Praktikantin. Und ich allein auf der anderen Seite. Fühlt sich super an. Ich kam mir so klein vor. Wie ein Kind, dass gerade vor einem Halbkreis Erwachsener steht und auf den Anschiss wartet.

Und der kam (in etwa). Nach dem ich so halb in Worte fassen konnte, was ich will und nicht will. Damit es mir besser geht, habe ich mir etwas gesucht, dass mich über Wasser hält. Mein Fernstudium. Ich habe jeden Tag gelernt. Mal mehr, mal weniger. Immer meiner Tagesform entsprechend, maximal 2 – 3 Stunden. Mehr ging einfach nicht. Aber ich habe mich daran festgehalten und es geschafft, mir eine mir guttuende Tagesstruktur aufzubauen. Kommentar des Arztes dazu: Wenn Sie das können, dann können Sie auch arbeiten. Ich fühlte mich so unverstanden, so verraten. Zumal ich da alles noch besser erklärte als hier. Ich brach in Tränen aus und habe mich auch nicht mehr beruhigen können. Erst, als ich in Absprache mit meiner dortigen Therapeutin nach Hause fuhr, wurde es besser. Aber meine Hoffnung, dort für mein weiteres berufliches Leben irgendetwas mitzunehmen, war dahin.

Therapie in der Reha – im Ansatz tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie

Frau K. war noch sehr jung, aber ich hatte nicht das Gefühl, dass sie deswegen noch unerfahren ist. Eher finde ich, dass sie vielleicht noch einen nicht so festgefahrenen Blick auf die Dinge hatte. Auch wenn wir die eigentlich nicht hatten, so hat sie sich doch immer Zeit für mich genommen. Sie schaffte es noch ein Stück tiefer in meine Psyche und dadurch erzählte ich ihr Dinge, die ich in den beiden Therapien zuvor nicht erwähnt hatte. Aus Angst, aus Scham oder weil ich einfach noch nicht so weit war. Auch diesmal fiel es mir nicht leicht, aber es wurde wenigstens mal ausgesprochen. Sowas hilft schon ungemein.

Fazit:

Meine Therapeutin war in Ordnung. Die meiste Zeit hab ich mich gut aufgehoben gefühlt. Auch wenn ich mich zum Schluss ebenfalls von ihr verraten fühlte. Zum einen wegen des oben genannten Gesprächs (sie wusste alles und kannte meine Beweggründe für das Fernstudium), zum anderen wegen des abschließenden Reha-Berichtes. Natürlich habe ich ihr erzählt, wo es bei mir hakt. Selbstverständlich habe ich ihr gesagt, wozu ich in der Lage bin und wozu nicht. Sie wusste um körperliche Einschränkungen (die allerdings vom Kopf herrühren) und um psychische. Sie hat mich krank aus der Reha entlassen, aber der Bericht liest sich so, dass ich nach 6 Monaten wieder voll einsatzfähig hätte sein sollen. Äh, leider nein. Bei unserem letzten Gespräch hatte sie mir noch eine tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie empfohlen. Und daran bin ich auch sehr interessiert. Sie gab mir sogar Internetadressen mit, wo ich solche Therapeut:innen finden könne. Leider halfen mir diese nicht weiter und die, in der meine größte Hoffnung lag, funktionierte noch nicht einmal. Natürlich war das niederschmetternd und demotivieren und nun rate mal, wer bis heute nicht wieder in therapeutischer Behandlung ist …

Story am Rande:

Die Reha hatte mich um Monate zurückgeworfen (genaueres hier unter Auf und Ab). Daher war mein Kopf auch nicht der Hellste. Eben, beim Schreiben dieses Beitrags, habe ich die nicht funktionierende Internetadresse erneut ausprobiert. Geht immer noch nicht. ABER: Diesmal kam ich auf die Idee zu googeln und siehe da, gefunden. Werde mich wohl mal bei Gelegenheit intensiver damit auseinandersetzen.

Therapie – ja oder nein?

Ganz klares JA von mir. Sobald du realisierst, dass du Hilfe brauchst, versuche an einen Therapieplatz zu kommen. Jede Therapie hat mich, mal mehr und mal weniger, meinem Ziel nähergebracht. Aus jeder konnte ich etwas mitnehmen und mein Leben ein Stück weit verbessern. Ich konnte verzeihen und Dinge hinter mir lassen.

Leicht ist es nicht. Weder die Suche nach einem Platz noch die Therapie an sich. Nein, es ist harte Arbeit und man hört auch mal Dinge, die man nicht so gut findet. Trotzdem, so finde ich, lohnt es sich.

Was, wenn ich nicht zu einem Therapeuten möchte?

Wenn du dich oder andere nicht akut selbst gefährdest, kann dich keiner dazu zwingen. Dennoch halte ich es für eine gute Idee, therapeutische Hilfe in Anspruch zu nehmen.

Solltest du über ein dich belastendes Thema reden wollen, kann dir vielleicht auch die Telefonseelsorge oder die Nummer gegen Kummer helfen.

Ansonsten kann ich dir nur empfehlen zu lesen. Suche dir Bücher zu deinem Thema. Mach dich schlau. Vielleicht hilft dir das schon, aus deinem Loch herauszuklettern. Oder, wenn du es dir leisten kannst, suche dir einen Coach o.ä. Auch das habe ich versucht. Ich habe ein „Inneres-Kind-Programm“ mitgemacht, was mich auch wieder weiterbrachte.

Leider gibt es keine Patentlösung, die für alle gleichermaßen wirkt. Also liegt es an dir, deinen Weg zu finden. Und auch wenn dieser Weg auf und ab und über Umwege verläuft, bleib dran. Ich wünsche dir ganz viel Kraft dafür.

♥ Und immer dran denken: Du bist wundervoll und es ist schön, dass es dich gibt! ♥

Depressionen selbst bekämpfen

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